Review: John Carter – Zwischen zwei Welten

Bevor ich »John Carter« im Kino sah, hatte ich keine Ahnung von der Materie. Nur vom Hickhack, das um die Verfilmung gemacht wurde, hatte ich dann und wann etwas mitbekommen.

Erstmals sollte Edgar Rice Burroughs Romanserie um John Carter, die in ihrer ursprünglichen Magazinform zwischen 1912 und 1943 erschien, nämlich bereits in den 1930er Jahren von MGM als Animationsfilm verfilmt werden. Doch nach weniger erfolgreichen Testscreenings verlor MGM Vertrauen in eine SciFi-Produktion – woraufhin Universal mit dem Flash Gordon Serial ironischerweise große Erfolge feierte. In den 80ern kaufte Disney dann die Rechte, um einen Konkurrenten zu Conan und Star Wars aufzubauen. Tom Cruise wurde als Hauptrolle gehandelt. Doch nachdem die Rechte wegen Disneys Nichtstun zurück an Borroughs Erben gingen, ging der Irrsinn weiter: Nach Lektüre der Biografie von Filmgeek Harry Knowles (von Ain’t It Cool News) wollte sich Paramount-Produzent James Jacks (»Die Mumie«) John Carter annehmen. Aus einem Bidding war1 mit Columbia um die Rechte ging Paramount schließlich als Sieger hervor und kann 2004 sogar Robert Rodriguez als Regisseur gewinnen. Dieser tritt jedoch wegen Ärger mit der Directors Guild of America aus selbiger aus und da Paramount nur DGA-Regisseure beschäftigen darf, lag das Projekt erstmal auf Eis. 2005 sollte dann Jon Favreau übernehmen, bestand aber darauf, weniger auf CGI als vielmehr auf klassische Effekte und Makeup zu setzen. 2006 wurde es Paramount dann doch zu bunt, man gibt »Star Trek« den Vorzug, und Favreau zieht weiter zu »Iron Man«, womit ihm dann der große Durchbruch gelingt.

2007 ersteht Disney schließlich erneut die Rechte und leiht sich aus der hauseigenen Gelddruckerei2 den »Findet Nemo«- und »Wall-E«-Regisseur Andrew Stanton aus, um John Carter vom Mars endlich, endlich auf die Leinwand zu bannen. Stanton bekommt daraufhin eine Viertel Milliarde Dollar an die Hand und schickt den amerikanischen Bürgerkriegsveteranen John Carter (gespielt von Taylor Kitsch), der eigentlich nur eine Höhle voller Gold sucht und sich ansonsten aus allem heraushalten will, auf den Mars. Während Carter versucht zu verstehen, an welch merkwürdigem, von Menschen- und Marsmännchen-ähnlichen Völkern bewohnten Ort er sich da eigentlich befindet, passiert es dann doch wieder: Der mürrische Carter gerät zwischen die Fronten. Klar, dass er sich auf die Seite des Volkes mit der hübschesten (und menschlichsten) Prinzessin schlägt und 132 Minuten später der gefeierte und nicht mehr ganz so mürrische Marsheld ist.3 In der Zwischenzeit wird uns der Konflikt von „Barsoom“, so wird der Mars von den Marsianern genannt, näher gebracht, der den Planeten langsam aber sicher sterben lässt. Wir erfahren, dass dunkle Mächte für diese Entwicklungen verantwortlich sind und lernen immer mal wieder ein paar CGI-Figuren und -Monster kennen, die immerhin mehr Na´vi und weniger Gungans sind. Hinzu kommen Steampunk-ähnliche Flugschiffe, über die John Carter genauso verblüfft ist, wie die Prinzessin vom Mars über irdische Schiffe, die sich auf dem Wasser fortbewegen. Eine interessante, zu Beginn überaus amüsante und schlussendlich grandiose Rahmenhandlung erklärt, warum und wie Carter von der Erde nach Barsoom kam.

Aus all dem kreieren Stanton & Co. eine glaubhafte Welt mit liebenswerten CGI- und Nicht-CGI-Figuren, einem charismatischen Helden und einer ausreichend spannenden Story. Der einzige große Kritikpunkt, der eigentlich gar keiner ist: All das hat man schon mal irgendwo anders gesehen. Auf Tatooine, auf Pandora, auf Arrakis und irgendwo dazwischen. Kein Wunder: Burroughs Barsoom-Serie hat so ziemlich alle fantastischen Science-Fiction-Werke, die wir kennen und lieben beeinflusst. James Cameron verriet, dass er sich bei den Tharks für die Na´vi hat inspirieren lassen. Frank Herbert ist es so ergangen, ebenso wie George Lucas. Man kann den Einfluss von Burroughs Schundromanen auf die Macher unserer heutigen Popkultur eigentlich nicht zu hoch einschätzen. Die Konsequenz: Die Arena in »John Carter» sieht der Arena in »Episode II« sieht der Arena in Burroughs Büchern sehr ähnlich. »John Carter« nun vorzuwerfen, er wäre ein billiger Abklatsch, ist also mehr als unberechtigt. Schließlich funktioniert das alles auf Barsoom, im Film.

Wenn man jetzt noch davon absieht, dass Carters Entwicklung zwischenzeitlich etwas zu schnell abläuft, der Soundtrack zwar solide aber beim Verlassen des Kino sofort vergessen ist und man mit Mark Strong auf Hollywoods Bösewichtfertiggericht gesetzt hat, muss ich sagen, dass ich überraschenderweise überaus begeistert war. George Lucas hat im Rahmen seiner Promotiontour zu »Red Tails« gesagt, dass der WW2-Fliegerfilm „as close as you’ll ever get to Episode 7“ wäre. Ich würde sogar soweit gehen – auch wenn ich nun ein gefährliches, verachtetes Leben führe – und sagen, dass das »John Carter« ist. »John Carter« ist der Star Wars-ähnlichste Film, den ich in den letzten Jahrzehnten gesehen habe. Und das sage ich ganz objektiv als größter Star Wars-Fan auf dieser Webseite. Ist »John Carter« so gut wie (irgendein alter) Star Wars? Nein. So gut wie »Avatar«? Nein. Aber die Antwort liegt irgendwo dazwischen. Wäre ich zum Zeitpunkt der Sichtung 13 Jahre alt gewesen (und nicht 13×2+1), hätte ich den Film ohne jeden Zweifel geliebt. Und immerhin kann ich auch heute noch erkennen, warum.

Daher ist es auch eine Schande, dass Stanton mit dem Unterfangen Disneys neuestes SciFi-Franchise zu erschaffen, – das können wir zwei Wochen nach dem weltweiten Kinostart leider mit Fug und Recht sagen – gescheitert ist4. Auch wenn »John Carter« international um ein Vielfaches erfolgreicher war als in den USA: Die Hoffnung auf ein Sequel, das der Film definitiv in die Wege leitet und an dem Stanton bereits arbeiten soll, stirbt im Angesicht von 200 Millionen Miesen bei Disney augenblicklich. Eine Schande. Ich wäre so gerne nach Barsoom zurückgekehrt.

EMDb – Rating: 4,5/5

  1. „MORE than one studio wants to buy your movie. Then you get to hear two of the most wonderful words you can hear as a writer: Bidding war! Woo-hoo! Two studios (or, super woo-hoo, more than two studios) have to outbid each other for your movie. And that´s superfun. Then who knows—the sky is the limit.“ aus Writing Movies for Fun and Profit von Robert Ben Garant and Thomas Lennon. Lese ich gerade, bisher sehr gut.
  2. also known as Pixar.
  3. Seriously: Wer jetzt „SPOILER!!!“ ruft, hat bisher nichts verstanden.
  4. Wie zuvor schon sein Kollege Joseph Kosinski mit dem unsäglichen »Tron: Legacy«, wo das Scheitern jedoch vollkommen gerechtfertigt war.
Shortlink: eay.li/1h3 Format: JSON

6 Reaktionen

  1. Ich kann dir im wesentlichen nur beipflichten, wenn mich das auch alles in allem nicht ganz so stark begeistert hat wie du. Hatte hier was geschrieben: http://letterboxd.com/andih/film/john-carter/
    (Wann wird das eigentlich öffentlich? Man braucht einen Account, um das zu lesen…)

  2. Stimme im Großen und Ganzen überein (meine Kritik http://edieh.de/2012/filme/kino-kurzkritik-john-carter/ ist nur etwas weniger enthusiastisch). Interessant finde ich, dass der Film ausgerechnet in Russland sehr erfolgreich war (fünftbester Kinostart überhaupt) – letztlich ist der Film immerhin in ähnlicher Größenordnung wie „Prince of Persia“ gelaufen, für eine Fortsetzung wird dies aber bei beiden kaum reichen. Das Marketing von Disney hat hier nach meiner Meinung einfach auf die falschen Pferde gesetzt.

  3. @Andi: Ich kann mich dir wiederum nur anschließen und dir beipflichten. Nur das 3D fand ich nicht ganz so schlecht. Zwar überflüssig wie immer (außer bei du weißt schon wem), aber dennoch eine der besseren Umsetzungen. Und zu Letterboxd: Nachdem die scheinbar jedem zwei Dutzend Invites gegeben haben, könnten die ihre Seite bald mal öffnen. Da kann ich meine Reviews dort auch mit gutem Gewissen aus der EMDb heraus verlinken…

    @Ron: Wirklich interessant, dass der in Russland so erfolgreich war (hatte ich noch gar nicht mitbekommen). Und die Entscheidungen, die da beim Marketing getroffen wurden, sind wirklich nicht nachzuvollziehen. Vor allem wenn man bedenkt, dass es sich da um einen Weltkonzern wie Disney handelt. Man sollte doch meinen, da wären Profis am Werk. Schließlich bekommen die ihre Animationsfilme ja auch unter die Leute gebracht.

    Jedenfalls hat sich Kollege @reeft noch ein paar lesenswerte Gedanken zum desaströsen Marketing gemacht: http://eay.li/1h5 Aber wahrscheinlich kann man einfach keinen erfolgreichen Marsfilm machen… :nein:

  4. Sehr interessante Review, ganz besonders der Backround zum Film von dem ich bisher noch nichts wusste. Muss ihn mir noch anschauen, aber steht ganz oben auf meiner Kino-Liste, nur finde momentan lleider keine Zeit zum gemütlichen Abends ins Kino gehen…

  5. @HerrK: Danke, das freut mich sehr. Hatte nämlich Zweifel, ob der Produktionshintergrund überhaupt jemanden (außer mir) interessiert. 😉

  6. So habe es dann gestern endlich mit der Lady ins Kino geschafft,
    dafür war der Saal auch schön leer wenn ein FIlm schon seit drei Wochen läuft. 😉

    Hat mir sehr gut gefallen, solide Unterhaltung für Groß & Klein,
    tolle Effekte und auch die Story fand ich toll (und ausbaufähig).
    3D muss ich sagen fand ich gut bis sehr gut- je nach Szene.

    Krass nur wie schlecht der Film im direkten Vergleich,
    was die Besucherzahlen angeht, gegen Panem abkackt.