#kinolog (198)

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Vom Film zum Videospiel und zurück

(Ja, auch den folgenden Film habe ich schon vor einer ganzen Weile gesehen, aber zumindest Leser meines Twitterdingens sollten wissen, dass ich an einem eher unkonventionellen Schlafrythmus leide, Montags seltenst aus dem Bett komme und banale Dinge oft mit seltsamen Feststellungen zu rechtfertigen versuche. Was manchmal sogar klappt. Etwa jetzt. Egal. Nun aber Knallgas:)

Max Payne ist einer dieser merkwürdigen Filme, den wir unserer zeitgenössischen Medienlandschaft zu verdanken haben: Da erscheint 2001 ein Videospiel, das sich in Ästhetik und Narration beim Film Noir bedient, das ganze aber als Comic, oder besser: Graphic Novel, inszeniert, dabei aber sein eigenes Medium nicht aus den Augen verliert und wunderbar selbstironisch reflektiert. Dazu noch eine Prise Bullet Time, der Special Effect aus dem zwei Jahre zuvor erschienen Erfolgsfilm The Matrix, und schon hatte man eines der besten Spiele der Zeit geschaffen, das wirklich jeder, der auch nur einen annähernd funktionierenden PC sein Eigen nannte, spielen musste.

Es ist daher nicht weiter verwunderlich, dass die Kuh Max Payne gemolken werden sollte: eine videospielerische Fortsetzung folgte und nun auch, ein paar Jahre später die gleichnamige Verfilmung des Stoffs. Diese orientiert sich weitestgehend am Spiel: Alte Bekannte tauchen auf und der resignierte Polizist Max Payne rutscht, während er den Tod von Frau und Kind rächen möchte, zwischen die Fronten eines Drogenkriegs, indem er natürlich niemandem trauen kann und alsbald selbst zum Gejagten wird. Dass die Kugeln in seinem Kampf gegen Junkies, korrupte Polizisten und Wirtschaftsbosse dabei ab und an in Zeitlupe durch’s Bild fliegen, ist Ehrensache.

100 Minuten später rollt der Abspann über die Leinwand und der Zuschauer hat einen Film gesehen, der vieles gut meint, aber weniges gut macht. Ja, Max Payne ist ein ambitionierter Film, der versucht dem Spiel gerecht zu werden, der versucht dabei die Handlung nicht zu kurz kommen zu lassen, der versucht innovative Action zu zeigen. Doch all das, was das Spiel ausgemacht hat, bleibt auf der Strecke. Bullet Time? Innovativ im Spiel, im Kino aber schon hundert mal gesehen. Der Humor des Spiels (etwa wenn Max Payne im Spiel träumt die Hauptfigur eines Computerspiels zu sein:“I was in a computer game. Funny as Hell, it was the most horrible thing I could think of.“)? Fehlt. Die Drogenträume? Für mich überflüssig bis zur Schmerzgrenze. Dass Marky Mark nur einen einzigen Gesichtsausdruck drauf hat, fällt da auch nicht weiter ins Gewicht. Für einen Max Payne hätte man sich schon mehr gewünscht…

EMDb – Rating: 2/5

Der Mann, der niemals schrieb

Der Mann, der niemals lebte ist ein weiterer Versuch seitens Leonardo DiCaprio sich von seinem ewigen Milchbubi-Image zu verabschieden. Und das gelingt ihm meines Erachtens nach, wie schon bei Scorseses grandiosem The Departed, ziemlich gut. Und vor der Kamera von Regisseur-Legende Ridley Scott, der immerhin dreimal erfolglos für den Oscar als „Bester Regisseur“ nominiert war, sollte auch die größte Pfeife glaubhaft zum gescheiten Geheimagenten werden.

Zu Beginn von Scotts (Anti-)Terror-Streifen erfahren wir, dass es um die Weltsicherheit nicht gut bestimmt ist: selbstentzündende Terroristen in England und Bombenanschläge in Amsterdam. Dahinter steht eine neue so viel besser organisierte Terrororganisation – und wer das friedliebende Holland angreift, muss es schon faustdick hinter den Ohren haben. Gut, dass der Sesselpupser Ed Hoffman (ein dicklicher Russell Crowe) mit Roger Ferris (DiCaprio) einen ambitionierten Agenten vor Ort im nahen Osten hat. Ferris spricht fließend arabisch und ist mit den lokalen Gepflogenheiten so gut vertraut, wie kein anderer. Doch als er die Jagd auf die Terroristen eröffnen möchte, stellt sich heraus, dass sowohl Freund als auch Feind ein doppeltes Spiel spielen…

Wenngleich der wunderbar fotografierte Film keine großen Überraschungen bietet und zu Binsenweisheiten à la „im Krieg ist jeder schuldig“ neigt, so ist das Erzählte doch durchgehend spannend, interessant und bietet die ein oder andere neue Sichtweise auf den war on terror. Und vor allem der dargestellte Kontrast hat es mir angetan: zum einen DiCaprios Figur als Wandler zwischen den Kulturen, zum anderen der Kampf der hochtechnologisierten Amerikaner gegen die vermeintlich primitiven Bauern. Andere Filme haben hier zuletzt zu sehr pauschalisiert und so ist Der Mann, der niemals lebte für Freunde des Genres durchaus sehenswert.

EMDb – Rating: 3/5

(Die Überschrift bezieht sich natürlich darauf, dass ich dieses Review aus persönlichen Gründen vor mich hin prokrastinierte. In Wirklichkeit habe ich dieses Review immer noch nicht geschrieben, sondern meiner frisch eingestellten Sekretärin Limpi diktiert.)

Ein Quantum Bond

Anfang der Woche hatte ich endlich die Gelegenheit mir den neuen Bond mit dem sehr bescheidenen deutschen Titel Ein Quantum Trost anzusehen. Und klar, wie jeder andere männliche Zeitgenosse kann auch ich mich dem Charme und Können eines James Bond nicht entziehen. Dementsprechend überzeugt war ich von Casino Royal, dem Reboot des Franchise, in dem auch erstmals Blondin Daniel Craig den Geheimdienst Ihrer Majestät antritt. Vor zwei Jahren hat die Serie endlich mit den furchtbaren Running-Gags á la „Geschüttelt, nicht gerührt“ gebrochen und dem ganzen stattdessen mehr Realität (ein Killer ist ein Killer ist ein Killer) und Tempo eingehaucht, und Bond somit endlich auf angemessene Art und Weise ins neue Jahrtausend geholt und zu Recht wieder zu einer der attraktivsten Actionfilmserien gemacht. Fraglich nun, ob „Quantum of Solace“ die Erwartung halten oder vielleicht sogar übertreffen kann…

Dabei neu seit dem Reboot: die Handlungsstränge des Vorgängers werden aufgegriffen, was bedeutet, dass James Bond immer noch seiner großen Liebe Vesper Lynd nachtrauert und insgeheim eigene Rachepläne verfolgt. Nebenbei jedoch muss er sich mit den Schergen der Geheimorganisation „Quantum“ herumschlagen, die unter dem Vorwand des Naturschutzes verachtenswerten Unfug in Dritte-Welt-Ländern anstellen. Die Bond-typische Hatz auf den Oberschurken beginnt und trauen kann er dabei natürlich niemandem, nicht einmal seinem eigenen Schatten, mehr.

Wie man vielleicht zwischen den Zeilen der vorangegangenen Inhaltsangabe herauslesen kann, konnte mich die Handlung von Bond #22 nicht vollends überzeugen. Ich begrüße, den Bezug und die damit einhergehende Kritik an Entwicklungen der realen Welt, was heutzutage natürlich etwas besser kommt als die Super-Laser-Plots früherer Bonds. Dennoch: packend war das irgendwie nicht. Allein schon die endlos lange Poker-Szene des Vorgängers war da zerreißender. Aber egal, von der durchschnittlichen Story kann man absehen, wenn denn der Rest, sprich: die Action, stimmt. Und natürlich hätten wir es hier nicht mit James Bond zu tun, wenn nicht alle paar Minuten etwas explodieren würde und herzergreifend schöne Autos und Frauen verschrammt werden. Leider jedoch erliegt man während den spektakulären Verfolgungsjagden einem Trend der letzten Jahre, den ich gerne das „Bourne-Out-Syndrom“ nenne1: die Actionszene wird in derart vielen, hektischen Bildern zusammenmontiert, sodass ein Normalsterblicher ohne Ecstasy-Pillen-Abo nicht mehr folgen kann und im filmischen Raum derart orientierungslos herumtorkelt wie Harald Juhnke (Gott hab ihn seelig!) auf dem Oktoberfest. Erfreulicherweise wird die Montage nicht wie im Namensgeber des Bourne-Out-Syndroms, der Bourne Trilogie, auf die Spitze getrieben, kostenlose Ritalin-Versorgung im Schneideraum hätte dem Quantum Trost aber dennoch gut getan.

Halten wir fest: Unverkennbar Bond 2.0 und trotz Bourne-Out-Syndrom sicherlich ein Spaß für viele Action-Freunde. Leider jedoch in allen Belangen weit hinter Casino Royal.

EMDb – Rating: 2/5

  1. Gerne? Na ja, gerade zum ersten Mal, aber absofort immer gerne. Und same procedure as every neologism: hiermit schenke ich der weiten Welt der Filmkritik den Terminus technicus „Bourne-Out-Syndrom“. Bitteschön, gern geschehen. []

Kiffer in Action

Mit Ananas Express (was schon etwas lächerlich klingt und eher einen Film von diesem Kaliber vermuten lässt) ist dieser Tage der neueste Streich aus dem Judd Apatow-Konglomerat in die deutschen Kinos eingezogen. Wie es bei der Clique, die u.a. mit Superbad schon die Teenie-Komödie neu erfunden hat, üblich ist, besteht die halbe Belegschaft des Films wieder aus alten Bekannten. Federführend in Ananas Express ist Seth Rogen, unterstützt von James Franco, der den meisten als der schmierige Green Goblin Jr. aus Spider-Man bekannt sein dürfte. Und auch wenn er der Neuzugang der Truppe ist, kann er – soviel soll hier bereits verraten werden – überzeugen. Als Drogendealer. Aber erstmal der Reihe nach:

Nachdem der dauerbreite Gerichtszusteller Dale (Rogen) bei seinem Dealer Saul (genau, Franco) exklusiv Marihuana feinster Sorte erstanden hat, wird er Zeuge eines Mordes als er dem Drogenbaron der Stadt eine Vorladung zustellen soll. In der Hektik wirft Dale seinen Joint aus dem Autofenster und rast davon. Der Drogenboss bemerkt Dales Flucht jedoch, findet seine Kippe, erkennt das „Ananas Express“ genannte Marihuana und weiß, welcher Dealer es für ihn weiterverkauft. Über ebendiesen versucht er Dale ausfindig zu machen und schickt den beiden seine Killer auf die Versen. Dale und sein Dealer haben sich zwischenzeitlich jedoch aus dem Staub gemacht…

Während wir in der ersten Hälfte des Films erwartungsgemäß das Versteckspiel der Kiffer vor dem eheähnlichen Killerduo zu sehen bekommen, weiß die zweite Hälfte des Films wahrlich zu überraschen: nachdem die Freundschaft von Dale und Saul, wie es sich für eine ordentliche Buddy-Komödie gehört, auf die Probe gestellt wurde, finden wir uns in einem aberwitzigen, action-geladenen Showdown wieder. Und genau dieser Mix aus zugegebenermaßen teilweise recht platter, aber auch hochunterhaltsamer (Kiffer-)Komik und knallharter Action macht den Reiz des Films aus und lässt Ananas Express wie eine bunte Mischung aus Clerks und Hot Fuzz, mit einer Prise Burn After Reading angereichert (denn sie wissen nicht, was sie tun), wirken. Freunde des Kiffer-, Komödien- oder Actionfilms, die etwas für die anderen Genres erübrigen können, werden ihre wahre Freude haben.

EMDb – Rating: 3,5/5

Beelzebub 2

Vier Jahre ist es her, dass Mike Mignolas Beelzebub sich über die Leinwand prügelte. Seitdem ist viel passiert: dutzende weitere Comicverfilmungen sind ins Land gezogen, Regisseur Guillermo del Toro ist durchgestartet und trotz des fehlenden Erfolgs an den Kinokassen verkaufte sich die DVD von Hellboy so aberwitzig oft, dass ein neues Studio dem Höllenjungen eine zweite Chance gegeben hat, sich an den Kinokassen zu behaupten. (Um die DVD sorgt sich hingegen wohl niemand.) Letzte Woche startete also hierzulande die Fortsetzung Hellboy II – Die goldene Armee, die zwar an den ersten Film anknüpft, dennoch aber für Hellboy-Jungfrauen problemlos zugänglich ist.

Der Film handelt – und das ist seine größte Schwäche! – vom so oft ausgetragenen ultimativen Kampf zwischen Gut und Böse. Ein Elfenprinz, der mit dem Frieden zwischen Menschen und Elfen & Co. nicht einverstanden ist, möchte mit Hilfe der so genannten „goldenen Armee“, 4900 magische Robotersoldaten, die Weltherrschaft zurückerlangen. Klar, dass sich Hellboy und der Rest des B.P.R.D. diesem Vorhaben entgegenstellen…

Wie gesagt: der größte und, von kleineren Schwächen abgesehen, einzige Kritikpunkt am zweiten Hellboy ist die Handlung. Der einfach gestrickte Konflikt interessiert nicht wirklich und die Nebenhandlung, in der Red sich der Öffentlichkeit präsentiert wird nur angedeutet. Was sehr schade ist. Dennoch: der Weg bis zum Showdown auf dem Hellboy & Freunde allerhand Orte besuchen und Kreaturen antreffen, ist wahrlich unterhaltsam. Selten hat ein Film ein derart beeindruckendes, innovatives und verrücktes Ensemble in sich vereint. Dieses Sammelsurium an Absurditäten trägt „Hellboy II – Die goldene Armee“ und macht ihn zu einem sehenswerten Paradebeispiel für das visuell Mögliche, das der fantastische Film zu leisten im Stande ist.

Und obendrauf gibt’s einen betrunkenen Hellboy, der Can’t smile without you singt. Was will man mehr? (Ich bin übrigens angefixt und habe mir endlich ein paar Hellboy-Comics bestellt.)

EMDb – Rating: 3,5/5

Autoren außer Kontrolle

Politiker diesseits und jenseits des großen Teichs tauschen seit einigen Jahren sehenden Auges unsere Freiheit gegen eine vage Wunschvorstellung von Schutz vor irgendeinem Hirngespinst ein. Und unsere täglich (und gerne) verwendete Technik macht es ihnen einfacher denn je. Nun kann man sich der filmischen Kritik dieser Totalüberwachung auf die äußerst unterhaltsame und dementsprechend viel schwerer zu vermittelnde Art und Weise nähern, wie es die Coens dieser Tage getan haben, oder man geht den einfacheren Weg und produziert einen rasanten, erfolgsgarantierten Action-Kracher á la Eagle Eye.

In Eagle Eye setzt man dabei auf bewährte Handlungsmuster: 08/15-Typ Jerry sieht sich urplötzlich in eine Verschwörung um seine Person verzettelt. Seine Flucht vor FBI und Militärs wird dabei von einer unbekannten Frauenstimme, die scheinbar sämtliche Technik fernzusteuern weiß, per Handy koordiniert. Die Telefonstimme lässt Jerry auf Rachel treffen, die ebenfalls von der Telefonstimme kontrolliert wird. Zusammen sollen sie verschiedene (terroristische?) Aktionen für die Unbekannte durchführen. Doch – oh Wunder – nichts scheint wie es ist und Gut und Böse verschwimmen…

Die größte Leistung des Films ist noch sein Umgang mit dem amerikanischen Patriotismus. Erst gut, dann böse, dann wieder gut. Aber dann, klar, sowas von gut. Alle (!) anderen Handlungsmuster und -motive haben die Autoren woanders ausgeliehen. Beispielsweise bei Staatsfeind Nr. 1, Auf der Flucht, 2001, I, Robot und, ja, WALL-E. Es ist als hätte man Eagle Eye schon mal gesehen, was ja nicht unbedingt ein negativer Kritikpunkt sein muss. Was hingegen unbedingt der negativen Kritik bedarf, ist, mit welcher Konsequenz hier das technische Machbare ignoriert wird. Oder glaubt wirklich jemand, dass Kräne auf einem Schrottplatz über ein Netzwerkkabel verfügen, so dass man sie fernsteuern könnte? Während es der Telefonstimme auf der einen Seite möglich ist, Autos fernzusteuern, Starkstromkabel punktgenau platziert zum Platzen zu bringen und Töne aus Kaffeesatz zu lesen, so kann sie auf der anderen Seite digitale Türschlösser nicht dauerhaft verriegeln und ist prinzipiell machtlos gegen jeden Knopfdruck. Eagle Eye ist so unrealistisch, dass es keinen Spaß mehr macht. Wenn man sieht, dass Eagle Eye bei Online(!)publikationen wie Moviemaze und Filmstarts satte 70 Prozent beziehungsweise 7 von 10 Punkten bekommen hat, dann liegt die Vermutung nahe, dass deren Redaktionen noch in die Tasten analoger Schreibmaschinen hauen und beim ehrfürchtigen Anblick eines elektrischen Dosenöffners glauben, dass in Zukunft alles möglich ist.

Hätte man sich konsequent dem Trash verschrieben – oder gleich einen vernünftigen Film gemacht -, mein Urteil hätte deutlich besser ausgesehen. So bleibt Eagle Eye aber nur ein durchschnittlich unterhaltsamer, unterdurchschnittlich glaubwürdiger RTL-Sonntagabend-Streifen, der immerhin beim 12 jährigen Sohn von Max Mustermann Gefallen finden wird.

EMDb – Rating: 1,5/5

Du weißt, dass du nichts weißt

Wie jeder halbwegs vernünftige Filmfreund habe auch ich mich in die Filme von Ethan und Joel Coen verguckt. Kaum jemand anders weiß sich derart auf dem Parkett von Komödie & Tragödie zu bewegen. Und mit Burn After Reading tun sie natürlich erneut genau dies. Klar, es ist wieder einer der „lustigeren“ Filme der Coens, aber wer mit ihrem Gesamtwerk vertraut ist, weiß, dass das Komische eben wieder aus der individuellen und interdependenten Tragik der Figuren herrührt. In Burn After Reading heißt das, dass die Figuren zwar ein (vergleichsweise lächerliches) Ziel verfolgen, aber im Grunde gar keine Ahnung haben, was sie da eigentlich tun…

Der Film zoomt zu Beginn aus Sicht eines Spionage-Satelliten ins Geschehen. In den folgenden 96 Minuten lernen wir in aller, aller Ruhe die Protagonisten kennen. Den wegen Alkoholsucht entlassenen CIA-Agenten Osbourne Cox (John Malkovich), seine biedere Ehefrau Katie (Tilda Swinton), ihre Affäre, den notorischen Fremdgänger Harry Pfarrer (George Clooney) und die beiden Fitness-Club-Mitarbeiter Chad (Brad Pitt) und Linda (Frances McDormand). Cox plant, nachdem er von der CIA entlassen wurde, seine Memoiren zu verfassen. Diese pseudo-brisanten Dokumente fallen jedoch ins Chads und Lindas Hände, die bei dem „großen Scheiß“ ihre Chance auf ein bisschen Geld wittern. Nach dem erfolglosen Erspressungsversuch gegen Cox wenden sie sich an die russische Botschaft. Doch irgendwie läuft alles aus dem Ruder und selbst die CIA-Oberen haben keine Ahnung, was da eigentlich warum geschieht.

Während in früheren Coen-Werken immer das spontane, impulsive Versagen einzelner Figuren im Vordergrund stand, so scheint es, als habe man es in Burn After Reading nur mit vollkommenen Vollidioten zu tun. Opfer und Täter sind gleichermaßen diffus. Zumindest aber sind es hauptsächlich Menschen, die nichts wirklich böses im Schilde führen und sich urplötzlich in einem für sie nicht greifbaren System von Überwachung, Kontrolle und Paranoia befinden. Derweil ist dieses Überwachungssystem, dieser Überwachungsstaat, selbst nicht in der Lage die Geschehnisse zu begreifen oder auf sie zu entsprechend zu reagieren. Stattdessen agiert das System irgendwie – und so kommt es zu einem des besten Epiloge, die man in letzter Zeit im Film zu sehen bekommen hat.

Die einfache Botschaft dahinter: die Überwachung der kompletten Bevölkerung führt das Prinzip Überwachung ad absurdum. Klar, dass ganze scheint kein Meisterwerk á la No Country for Old Men zu sein, gehört aber trotzdem zum besten, was man dieser Tage und dieses Jahr im Mainstream-Kino zu sehen bekommt. Apropos Mainstream: Während die männliche Hälfte von Brangolina auf den ersten Blick ein Zugeständnis gen Massenpublikum und Teenie-Girls zu sein scheint, so offenbart sich während Burn After Reading doch das wahrlich großartige und unterhaltsame komödiantische Talent eines Brad Pitt, von dem ich mir alsbald mehr (im Coen-Kosmos) wünsche.

EMDb – Rating: 4,5/5

Dumm und Dümmer 2008

Stiefbrüder, den neuen Film von Will Ferrell und John C. Reilly, könnte man getrost als infantilen, regressiven Mist abtun. Aber stattdessen kann man sich auch 100 Minuten zurücklehnen und sich von den infantilen, regressiven Taten zweier 40 jähriger Männer, die noch Zuhause wohnen, belustigen lassen. Ich habe mich standesgemäß für letztere Sichtweise entschieden und konnte den Stiefbrüdern daher doch einiges abgewinnen. Gut, man muss schon etwas für den Ferell-, Reilly-, Apatow-typischen Humor (also Furzwitze, von Kindern verprügelte Männer und hilflos überforderte Eltern im Rentenalter) übrig haben, aber dann hat man eine gute Zeit. Vor allem das Spiel der beiden Hauptdarsteller ist eine wahre Freude, spielen sie sich doch gekonnt gegenseitig an die Witz-Wand. Und mit den biederen, ernsten Eltern und der gemeinsamen Hassfigur des Bruders TJ (der eigentlich perfekt für Tom Cruise gewesen wäre) hat man ihnen ideale Gegenparts gegenübergestellt.

Wie gesagt – und man kann das hier nicht oft genug betonen -, Stiefbrüder ist keine Hochkultur und mit Sicherheit auch nicht die beste Komödie des Jahres. Wer aber auf der Suche nach leichter Kost für einen DVD-Abend mit Currywurst und Bier ist, kann demnächst getrost zu dieser Erwachsenen-Dystopie greifen.

EMDb – Rating: 3/5

Der Eichinger Edel Komplex

Mit Der Baader Meinhof Komplex, der Verfilmung von Stefan Austs gleichnamigem Sach(!)buch, steht uns dieser Tage eine weitere filmische Aufarbeitung Deutscher Geschichte ins Haus. Von vorneherein möchte ich auf die Absurdität dieser Verfilmung aufmerksam machen: Stefan Austs Baader Meinhof Komplex umfasst in seiner Standard-Ausgabe satte 672 Seiten. In der aktualisierten, doppelt so teuren Deluxe-Edition sind es sogar 896 Seiten. Man muss kein Filmkenner sein – nein, nicht einmal einen Film gesehen haben -, um zu erkennen, dass es in keinem Fall möglich ist, dieses gigantische Gros an mehr oder minder aufwendig recherchierten Fakten, dieses Jahrzehnt Deutscher Geschichte, auf einen 150-Minuten-Film herunterzubrechen. Das geht nicht.

Und wenn man es doch versucht, dann sieht das so aus: In 150 Minuten prasseln derart viele Eindrücke, „Aktionen“, Gesichter auf einen ein, dass einem Hören und Sehen vergeht. Sofern man kein spezialisierter Geschichtsstudent, sondern nur mit den Geschehnissen rund um RAF und Deutschen Herbst vertraut ist, wird man sanft, aber bestimmt erschlagen. Wenn man keine Ahnung hat und der Handlung des Spielfilms (was Der Baader Meinhof Komplex am Ende des Tages ja immer noch ist) einfach nur folgen möchte, hat man keinerlei Chance. Zu viele Figuren, zu viel Handlung, zu viel von allem.

Es ist überspitzt gesagt so, als wolle man alle Greueltaten der Nazis in einem Kurzfilm unterbringen. Und dazu auch noch Popcorn verkaufen. Das Herausgreifen einer bestimmten Person oder eines bestimmten Ereignisses, wie, um bei dem Vergleich zu bleiben, es etwa bei Der Untergang geschehen ist, wäre hier ratsam gewesen, wenngleich es natürlich dem Anspruch, den gesamten „Komplex“ abzubilden, nicht gerecht geworden wäre. So werden Personen, Ereignisse und Motive hier leider nur skizziert – und der „Mythos RAF“ durch freie Liebe und stimmige Actionszenen oftmals befeuert.

EMDb – Rating: 3/5