#microblogging

»Revolutionizing the media with blog posts«

Das Tech-Onlinemagazin The Verge hat am Dienstag den Relaunch seiner Website veröffentlicht: neues Branding, neues Design und vor allem eine Website, die mit den gängigen Gewohnheiten von Onlinemagazinen bricht, indem sie neben klassischen Artikeln prominent Micro-Blog-Posts und Linked-List-Items1 einführt.

Hier z.B. ein kompletter Post zum nächsten Zelda in der Startseiten-Ansicht:

Die Idee dahinter ist, so wird es im Relaunch-Artikel und im Podcast erklärt, kurzum „ein guter Web Citizen“ zu sein. Anstatt den eigenen Content primär auf den Plattformen anderer Leute zu veröffentlichen, wie es in den vorherigen Verge-Iterationen der Fall war, kehrt der Content nun auf die eigene Plattform zurück und verweist auf die guten Inhalte anderer – so wie es einst im Web gedacht war:

Our plan is to bring the best of old-school blogging to a modern news feed experience and to have our editors and senior reporters constantly updating the site with the best of tech and science news from around the entire internet. If that means linking out to Wired or Bloomberg or some other news source, that’s great — we’re happy to send people to excellent work elsewhere, and we trust that our feed will be useful enough to have you come back later.

Alter, aber immer noch guter und mittlerweile vermutlich auch gewagter und spannender Ansatz, der zumindest bei mir (Oldschool-Blogger) dazu führt, dass ich The Verge derzeit zwei Mal am Tag aufrufe anstatt wie bisher alle zwei Tage. Themen lassen sich in dem neuen Format schneller konsumieren und bei Bedarf könnte man per klassischem Artikel eintauchen. Wie früher.

Bitte mehr davon!

  1. Im hörenswerten Vergecast zum Relaunch erwähnt Chefredakteur Nilay Patel dann auch, dass John Grubers Daring Fireball eine große Inspiration für das Format war – wie auch hier. []

Elon Musk kauft Twitter für 44 Milliarden Dollar

Der Hightech-Unternehmer Elon Musk kauft den Kurznachrichtendienst Twitter für rund 44 Milliarden Dollar (knapp 41 Milliarden Euro) auf. Wie das Internet-Unternehmen mitteilte, wird Musk 54,20 Dollar pro Aktie zahlen. Vergangene Woche hatte der Verwaltungsrat von Twitter noch versucht, eine Übernahme durch den reichsten Menschen der Welt zu verhindern. Jetzt liegt es an den Aktionären des Unternehmens, ob sie das Angebot annehmen.

Nun also doch. Musk beabsichtigt Twitter zu einer „globalen Plattform für Redefreiheit“ zu machen, auf der sich Body Shaming eines Milliardärs mal eben an Liebesgeständnisse für die ganze Menschheit reiht, bevor man dann nochmal klarstellt, dass man hofft, dass auch die größten (er schreibt „schlimmsten“) eigenen Kritiker weiterhin auf Twitter bleiben, weil genau das ja Redefreiheit sei.

Die Twitter-Bubble überschlägt sich gerade wegen dieser News. Mastodon verzeichnet so viele gleichzeitige User wie noch nie. Trumpisten und ähnliche Truppen feiern den neuen, radikalen Free-Speech-Ansatz, der Rest sorgt sich wegen der Machtkonzentration und will vor Schreck schon seine Teslas zurückgeben.

Genau genommen ändert sich aber vermutlich nichts. Ein privatisiertes Twitter unter Musk dürfte 1. dessen Red Pill aufgezwungen bekommen, was Redefreiheit und Zensur angeht und 2. wieder innovativer werden, was das eigentlich Kernprodukt angeht. Letzteres ist gut, ersteres nicht so sehr.

Was ich aber nicht verstehe: Die selben Leute, die sich heute lautstark beschweren, nutzen Twitter seit jeher ohne Unterlass, während sie offene und dezentrale Alternativen belächeln, ignorieren und – am schlimmsten – nicht nutzen. Mit Micro.blog und Mastodon gibt es längst voll funktionale Microblogging-Konkurrenz mit lebhaften und oft freundlicheren Communities, auch wenn die natürlich ohne die Marktmacht von Twitter daherkommen.

Spannend bleibt, was aus Bluesky werden wird, dem von Twitter initiierten Projekt, ein dezentrales Protokoll für die nächste Generation von Twitter zu erarbeiten. Während Musks Werte hierfür vermutlich nicht schlecht sind, ist der hohe Kaufpreis natürlich ein Problem. Irgendjemand und Musk wollen schließlich ihr Geld (und mehr) zurück.

Immerhin: meine wenigen Twitter-Aktien werde ich jetzt wohl mit einem Plus von rund 25% veräußern können. Was ich mit dem neuen Reichtum mache, erfahrt ihr dann auf micro.blog/eay und eay.social/@eay.

Update, 23:55 Uhr: Bluesky hat in einem Twitter-Thread nochmal die eigenen Verflechtungen zu Twitter aufgezeigt und betont, dass es eine eigene, unabhängige Firma sei:

The bluesky project originated with Twitter in 2019, but the Bluesky PBLLC established this year is an independent company focused on decentralized social network R&D.

Einzige Verbindung: Twitter-Gründer und Ex-CEO Jack Dorsey sei im Board von Bluesky, ein ehemaliger Twitter Security-Engineer Teil des Teams.

Klingt fast so, als wolle man hier an einem Twitter-Nachfolger bauen, ohne dass Elon den auch gekauft hat.

Twitter bekommt Audio-Tweets

Ich frage mich schon seit Jahren, warum sie neben Bildern und Videos nicht auch Audio unterstützen (der Microblogging-Konkurrent Pownce hatte schon 2007 Support für Audiodateien, Micro.blog schon seit 2 Jahren Microcasts).

Höchstwahrscheinlich wird das aber wieder nur ein Feature für die offizielle App und Third-Party-Clients wie Tweetbot & Co. können die Funktion nicht anbieten oder anzeigen. Und dass da MP3-Dateien entstehen, die per API abgerufen werden können, wird natürlich auch nicht gehen.

Da hätten Jack & Co. mal die Möglichkeit „Microcasts for the Masses“ zu machen und im Podcast-Game mitzumischen, wenn die Audio-Tweets gleich zu abonnierbaren Podcast-Feeds würden, aber was tun sie: weiter auf User-Lock-In setzen.

Update: Hier ein Beispiel für einen Audio-Tweet.

Twittergeburtstag (8)

Heute vor acht Jahren, am 23. November 2006, habe ich mich als 16.563ster Nutzer bei Twitter angemeldet. Seitdem habe ich über 22.000 Tweets verfasst1, tausendfach gefavt, unzählige Stunden in die Tasten gehämmert und meine Wirbelsäule mit ausufernder Smartphone-Starrerei belastet. Grund genug um zur Feier des Tages die Statistik vom sechsten Jahrestag mal wieder aufzufrischen:

Daran ist dann auch gut zu erkennen, dass sich meine Twitter-Nutzung bei rund 3.000 Tweets pro Jahr, also rund 8,2 Tweets pro Tag, eingependelt hat.2 Damit dürfte Twitter neben Gmail der von mir am längsten und meistgenutzte Web-Dienst sein. Hätte mir das jemand vor acht Jahren gesagt! Auf die nächsten 8!3

  1. Wobei Twitters Zählung (22.400) sich etwas von der meines Twitter-Archivs (21.800) unterscheidet. Wahrscheinlich liegt die Wahrheit in den 600 Tweets dazwischen. []
  2. Und die lassen sich neuerdings ja auch jenseits meines eigenen Archivs komplett durchsuchen. Juchu. Juchu. []
  3. Was wirklich Wahnsinn wäre… []

App.net im Fegefeuer der Digitalindustrie

Bleiben wir beim Scheitern: App.net, das im August 2012 nach drakonischen Beschränkungen von Twitter als vielversprechende Microblogging-Alternative startete, hat gestern verkündet, dass die zweite Finanzierungsrunde nicht ausgereicht hat, um weiterhin ein festes Team zu beschäftigen.1 Das von den Nutzer gezahlte Geld soll nun nur noch dazu verwendet werden, den Service „indefinitely“ am laufen zu halten. Der Code soll Open Source gestellt werden und die Plattform im Idealfall als Community-Projekt fortentwickelt werden.

Auch wenn in meiner ADN-Timeline bisweilen anderes zu lesen ist, ist dies das De-Facto-Ende von App.net. Ein Ende, das sich m.E. schon abzeichnete, nachdem man sich nie richtig zum Microblogging bekannte und stattdessen eine Plattform für alles mögliche – vom Cloud-Speicher bis zum Push-Notification-Service – sein wollte. Hätten Gründer Dalton Caldwell & Co. von Anfang an kommuniziert, ein besseres, offeneres Twitter zu bauen (was ADN technisch auch geworden ist), wäre das ganze Konzept sicherlich greifbarer gewesen. So hat man mit allerlei Firlefanz Zeit und Geld vergeudet.

Das Developer Incentive Program, das Entwicklern einen finanziellen Anreiz bot, Apps für die Plattform zu entwickeln, wurde im Rahmen der Kostenminimierung natürlich eingestellt. Durch den fehlenden Third-Party-Support ist zu erwarten, dass es kaum Neuanmeldungen bei App.net geben wird und viele bisherige Nutzer ihre Abonnements auslaufen lassen werden. Wenn die Early Adopter in einem Jahr erneut zur Kasse gebeten werden, könnte dies dann das tatsächliche Ende bedeuten. Bis dahin verweilt App.net im Fegefeuer der Digitalindustrie, einem Teufelskreis aus enthusiastischen Altnutzern und ausbleibenden Neuen. Ich hoffe, dass die Community das Ding um ihretwillen laufen lassen kann, erwarte aber nicht mehr allzu viel. Schade.

„You should follow me on App.net Twitter here.“

  1. Raus damit: Ich hab meinen Teil geleistet, wer von euch hat’s verschissen? []