Tent.is auf der Jagd nach dem Microblogging-Protokoll

Isger hat mich gestern bei Twitter gefragt, was ich von Tent.is/.io1, dem neuen Stern am Microblogging-Himmel, halte. Der Idealist in mir findet die Idee dahinter großartig und goldrichtig: Anstatt wie bei Twitter und App.net auf die Infrastruktur eines zentralen Anbieters zu setzen, benutzt Tent.is ein dezentrales, Tent genanntes Protokoll, das es jedem ermöglicht, einen eigenen Tent-Host zu betreiben. Tent.is ist, so die Idee, nur einer von vielen Tent-Anbietern, die Nutzer können sich bei beliebigen (noch nicht vorhandenen…) Anbietern anmelden, über das gesamte Netzwerk hinweg miteinander kommunizieren und ihre Daten von Tent-Host X zu Tent-Host Y portieren, falls Tent-Host X einen auf Twitter macht.

Das klingt alles überaus toll. Die Realität sieht jedoch so aus, dass es schwierig ist, um ein solch offenes Protokoll herum ertragreiche Geschäftsmodelle zu finden. Zwar würde Tent-Fürsprecher Loren Brichter, der Mann hinter 2009’s Best Twitter Client, würde er einen Tent-Client in den AppStore bringen (»Tentie«), sicherlich einen Haufen Geld damit verdienen, das Betreiben eines Tent-Hosts wäre für Drittanbieter aber wenig attraktiv2 und etwa für unsere Eltern zu schwierig, so dass im Endeffekt doch alle bei Tent.is bleiben würden.3

Eine föderierte Lösung, bei der es eigenständige, voneinander unabhängige Dienste mit jeweils eigenen Funktionen gäbe, wäre meines Erachtens sinniger, da realistischer, da gewinnbringender. Die Nutzer der verschiedenen Netzwerke könnten dann über einen kleinsten gemeinsamen Nenner (bspw. 140 oder 256 Zeichen lange Textnachrichten) miteinander kommunizieren und die diversen Unternehmen ungestört ihrem eigenen Businessplan und Featureset hinterher jagen. Das Protokoll für ein solches föderiertes Microblogging-Netzwerk fehlt bisher – und hier, denke ich, könnte Tent ins Spiel kommen. Würde das Tent-Protokoll dafür genutzt werden und zum Dreh- und Angelpunkt eines föderierten Netzwerks werden, wäre der Grundidee Genüge getan und uns allen stünde eine rosige Microblogging-Zukunft bevor. Es bleibt abzuwarten, ob die Tent-Macher das genauso sehen.

(Im Moment sieht es so aus als wollten die Tent-Macher neben Twitter und App.net ein drittes Microblogging-System etablieren. App.nets Dalton Caldwell hat aber bereits durchblicken lassen4, dass man durchaus gewillt sei, auch Tent-Support einzubauen, womit das von mir beschriebene Szenario quasi schon erfüllt wäre. Twitter hingegen wird erst dann einem föderierten Netzwerk beitreten, wenn die Financiers das Interesse verloren haben und der Kauf durch Yahoo unmittelbar bevorsteht.)

  1. Tent.is ist die Webseite des Tent-Hosts, Tent.io die des Protokolls. Verwirrend.
  2. „Was hier gibt’s Werbung? Mach ich halt mein eigenes Tent auf, ihr Ficker!“
  3. Congratulations, you’ve created the next Twitter! Again.
  4. Ich kann die Quelle gerade nicht mehr finden, aber glaubt mir einfach, hat er gesagt.
· am veröffentlicht 11.10.2012

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